Udo Pollmer: "Plattform ist künastscher Werbegag"
09.09.2004
Udo Pollmer im foodwatch-Interview über die Verantwortung von Regierung und Industrie bei der Kinderernährung. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. und Lebensmittelchemiker.
foodwatch: Warum halten Sie die
ansteigenden Zahlen nicht nur der fettleibigen, sondern auch der
übergewichtigen Kinder für "unwahre Propaganda" von Frau Künast?
Pollmer: Die Zahlen der Ministerin beruhen auf willkürlichen
Grenzziehungen, die herzlich wenig mit der Frage zu tun haben, ob es
sich tatsächlich um "zu dicke" Kinder handelt. Professor
Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Kinder- und
Jugendpsychiatrie der TU-Aachen und Präsidentin der Deutschen
Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie hat deshalb auch die
Interpretation der Studie (Kiel Obesity Prevention Study - KOPS) durch
das Ministerium zurückgewiesen.
Die solideste Langzeitstudie stammt aus Brandenburg und zeigt, dass der
Anteil an "zu dicken" Kindern seit Jahrzehnten gleich geblieben ist.
Aber seit 1997 werden die dicken Kinder immer dicker! Der Zeitpunkt
deckt sich mit dem Beginn der Diätkampagnen bei den Kids. Dass
Abspecken - egal mit welcher Methode - dicker macht, ist nichts Neues.
Was uns Sorge bereitet, ist die wachsende Anzahl untergewichtiger
Jugendlicher. In den Großstädten hat die Zahl der anorektischen bzw.
kotzenden pubertierenden Mädchen die Zehn-Prozentmarke überschritten.
Hier ist Gefahr im Verzug - eine Gefahr die wir nicht zuletzt eben
diesen Aufklärungskampagnen verdanken.
foodwatch: Wieso nennen Sie die Plattform für Ernährung und Bewegung einen "künastschen Werbegag"?
Pollmer: Großangelegte Interventionsstudien mit Heranwachsenden haben
gezeigt, dass kalorienreduzierte Kost zusammen mit Sport in Hinblick
aufs Gewicht langfristig wirkungslos bleiben. Leider! Aber weil sich
die Gesellschaft unlösbar ins Essverhalten verbissen hat, ist der
werbliche Nutzen für die nächste Wahl erheblich.
foodwatch: In einem Offenen Brief fordern Sie die
Ernährungswirtschaft auf, sich mehr um die Qualität zu kümmern. Wie
sähe eine solche aus?
Pollmer: Mit einem Glutamatzusatz lässt sich bei den Rohstoffen sparen.
Dabei verleitet Glutamat zu ungewolltem Mehrverzehr. Ein Verzicht auf
den Schummelstoff würde nicht nur die Qualität verbessern, sondern auch
Appetit-Probleme lösen.
foodwatch: Gleichzeitig sei die Industrie aber nicht verantwortlich für falsche Ernährung. Wer denn?
Pollmer: Klar, wir brauchen einen Schuldigen! Aber welche Ernährung
falsch ist, weiß keiner so genau. In Skandinavien ist Alkohol des
Teufels, in Frankreich Garant für ein langes Leben. Auch der Bedarf an
Nährstoffen hängt vom Pass ab. Besonders abstrus: Als EU-Bürger
brauchen wir 30 Milligramm Vitamin C und als Deutsche mindestens 100,
wobei bei akutem Mangel für den Menschen bereits 10 Milligramm
ausreichen. War vor Jahren noch Fleisch "ein Stück Lebenskraft", wird
heute einer vegetarischen Ernährung das Wort geredet. Böse Zungen
werten dies als Hinweis auf eine rasante Evolution unseres
Verdauungstraktes, die sich präzise an den Berichtszeiträumen der
Fachgremien orientiert. Je nachdem dürfen wir uns mal als Raubtier mit
dem Darm eines Marders und dann wieder als Rindvieh mit einem Pansen
fühlen. Nicht zu vergessen den Kropf der Hühner zum Verdauen
körnerreicher Kostformen. Würde irgendetwas von dem, was wir der
Menschheit empfehlen, stimmen, dürften die Briten bei ihrer Kost nicht
mal das 50. Lebensjahr erreichen, aber sie werden genauso alt wie wir.
Eine "gesunde Ernährung" für Alle ist eine ähnlich dämliche Idee wie
eine "gesunde Schuhgröße" für Alle.
foodwatch: Gehen also bunt gefärbte, fettreiche und überzuckerte
Kalorienbomben, die als "Kinderlebensmittel" oder mit dem Versprechen
auf die "Extra Portion Milch", die mit ausgefeilten Werbestrategien in
den Markt gedrückt werden, in Ordnung?
Pollmer: Dann muss man eben die irreführende Werbung abstellen, oder
fettes kalorienreiches Zeug (wie Erdnüsse, Schokolade und Lollies)
verbieten, oder die Verwendung von Lebensmittelfarbstoffen für
Kinderprodukte untersagen. Aber stattdessen Gelder einzufordern, um die
eigene Beratungsklientel zu finanzieren, ist pure Heuchelei.
|