Ein Gammelfleisch-Skandal nach dem anderen
05.12.2005
Im Herbst 2005 nehmen die Fleischskandale kein Ende: Schlachtabfälle im Essen, überlagertes Fleisch im Handel, Betrug und ekelhafte Zustände quer durch die Republik. Die Politik reagiert zunächst geschockt, dann vordergründig tatkräftig.
Alle bisher vorgelegten Vorschläge einschließlich der "Sofortmaßnahmen" von Minister Seehofer sind lediglich ein
Eingeständnis der inakzeptablen Zustände in der Lebensmittelwirtschaft.
Und des Versagens von Gesetzgebern und Regierungen. Solange sich Betrug auf Kosten der Verbraucher lohnt, werden sich die Zustände
nicht ändern. Deshalb fordert foodwatch: Unternehmensstrafen, die in
der Praxis abschreckend wirken, weil sie höher sind als die Kosten für
Qualitätssicherung.
2005: Ein Fleischskandal jagt den nächsten Gefrorenes Roastbeef im Haltbarkeitsdatum
um ein Jahr verlängert und Putenhackfleisch aus dem Jahre 2002,
gefunden in einem Kühlhaus in Gelsenkirchen. Als Kontrolleure damit
Mitte November 2005 an die Öffentlichkeit gingen, waren Teile der über
60 Tonnen schon verkauft worden und wahrscheinlich auch verzehrt. In
der ganzen Republik wurden anschließend Kühlhäuser durchsucht,
gefrorene Fleisch-Lagerbestände inspiziert und davon genommene Proben
in staatlichen Labors untersucht. Mindestens 200 Tonnen wurden
entdeckt, die nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignet waren.
Kurz
zuvor war der dritte Fleischskandal innerhalb weniger
Monate bekannt geworden: Gefrorenes Geflügelfleisch war unsachgemäß
aufgetaut und als Frischfleisch verkauft worden, vergammeltes war mit
Wasser aufgespritzt worden. Das Fleisch wurde zu Dönern und anderen
Fleischwaren verarbeitet.
Immer wieder werden im Jahr 2005 eklatante Missstände im Fleischsektor öffentlich. Erst Mitte
Oktober war bekannt geworden, dass Tonnen von ekeligen Schlachtabfällen
in Lebensmitteln verarbeitet worden waren. Und im März waren im
Fernsehen Bilder von Mitarbeitern der Supermarktkette "real" zu sehen,
die - mit versteckter Kamera gefilmt - altes Hackfleisch
umetikettierten, um es wieder "frisch" anbieten zu können.
Der Skandal um vergammeltes Geflügelfleisch
Der dritte Fleischskandal innerhalb weniger Monate: Anfang November
wurde bekannt, dass eine Firma im niedersächsischen Lastrup bei
Cloppenburg hat vergammeltes Geflügelfleisch verkauft hatte. Hier wurde
nicht nur tiefgekühltes Fleisch als Frischware umdeklariert. Auch vom
Handel beanstandetes und zurückgeschicktes Fleisch soll eingefroren und
später erneut angeboten worden sein. Zusätzlich soll Geflügelfleisch
mit Wasser aufgespritzt und so schwerer gemacht worden sein.
Die Spuren führen quer durch die Republik. In mindestens 15 Betrieben
in Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg fanden
Durchsuchungen statt. Teilweise konnte die Ware sichergestellt werden.
Allein im Lastruper Betrieb waren es 20 Tonnen. Ein Großteil der Ware
soll längst an Großküchen, Kliniken, Schulen oder Dönerbuden verkauft
und mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits verzehrt worden sein.
Die ermittelnde Oldenburger Staatsanwaltschaft geht von
Gesundheitsgefahren durch das Gammelfleisch aus. Das zuständige
niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und
Lebensmittelsicherheit (LAVES) erklärt das Fleisch für "vergammelt und
nicht zum Verzehr geeignet". Zu untersuchende Proben seien schleimig
und stinkend gewesen.
foodwatch fordert selbststeuernde Überwachungssysteme
Hatten Politiker, Fleisch- und Ernährungswirtschaft auf dem Höhepunkt
der BSE-Krise nicht Besserung gelobt? Doch abgesehen von kosmetischen
Maßnahmen hat sich in den vergangenen fünf Jahren nicht viel getan. In
ersten Reaktionen auf den jüngsten Skandal im November verlangen die
einen mehr Kontrolleure und schärfere Strafen, andere wiegelten ab, es
bestehe keine Gesundheitsgefahr.
Die geltenden Gesetze und Überwachungsstrukturen sind veraltet. Längst
ist die gesamte Ernährungswirtschaft international organisiert. Doch
selbst effektivere Kontrollen wären nicht die Lösung. Eine wesentliche
Verbesserung tritt nur ein, wenn Hersteller und Handel ein starkes
Eigeninteresse haben, Betrügereien wie die oben genannten von
vornherein zu unterbinden und zu vermeiden. Erst dann können Kontrollen
greifen, weil Betrügereien dann Ausnahme und nicht mehr Normalfall sind.
Der Ruf nach mehr Kontrollen und schärferen Strafen geht am Kern
des Problems vorbei. Lügen und Betrügen muß für die Lebensmittelbranche
endlich teurer werden als umfasssende Qualitätssicherung.
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